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Jena / Kenia / Ost-Afrika:

Höhle birgt 78.000 Jahre Menschheitsgeschichte - Technologische Entwicklung vollzog sich stetig

78.000 Jahre lang hat sich die technologische Entwicklung der Menschheit nicht sprunghaft, sondern stetig vollzogen. Das zeigen archäologische Ausgrabungen in der Panga ya Saidi Höhle nahe der kenianischen Küste. Die multidisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern stand unter der Leitung des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Die archäologischen Funde belegen außerdem frühe kulturelle Innovationen in Ost-Afrika
NEWS - Zeitungsbuchstaben auf schwarzem Grund

Der erste umfassende archäologische Befund aus einer Höhle nahe der Küste Kenias reicht von der Mittleren Steinzeit bis in die Eisenzeit und dokumentiert kulturelle, technologische und symbolische Innovationen, die vor rund 67.000 Jahre begannen.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena hat in der Panga ya Saidi Höhle nahe der kenianischen Küste einen umfassenden archäologischen Befund erhoben. Die Ausgrabungen und Analysen, über die in Nature Communications berichtet wird, umfassen einen Zeitraum von 78.000 Jahren und sind die längste archäologische Sequenz für Ostafrika. Die Ergebnisse unterstützen nicht die Annahme eines dramatischen kulturellen Umbruchs und trotz der Nähe zur Küste, ergaben sich keine Hinweise darauf, dass Menschen die Küsten als eine Art „Schnellstraße" für ihre Wanderungsbewegungen nutzten.

Eine internationale, multidisziplinäre Gruppe von Wissenschaftler/-innen, die entlang der ostafrikanischen Küste arbeiten, hat in Kenia eine Höhle entdeckt, die eine bedeutende archäologische Stätte darstellt. In ihr sind sowohl Aktivitäten von Jägern und Sammlern als auch von Bewohnern aus der Eisenzeit dokumentiert. Die intensive Untersuchung der Umgebung der Panga ya Saidi Höhle ergab, dass hier das Randbiotop zwischen Wald und Graslandschaft dauerhaft durch Menschen genutzt wurde. Vor dieser Ausgrabung waren nur wenige Informationen aus den letzten 78.000 Jahre von der Küstenregion Ostafrikas verfügbar. Die archäologische Forschung fokussierte sich im Wesentlichen auf das Rift Valley und Südafrika.

Menschen siedelten im feuchten, küstennahen Waldgebiet

Eine groß angelegte, interdisziplinäre Untersuchung, welche die wissenschaftliche Analyse pflanzlicher und tierischer Überreste sowie von Muscheln aus der Höhle beinhaltet, weist auf die hohe Beständigkeit der Wälder und Graslandschaften in dieser Gegend hin. Da die Umgebung der Höhle sich im Laufe der Zeit nur wenig veränderte, stellte sie für Menschen eine günstige Wohnstätte dar, selbst in Zeiten, in denen andere Teile Afrikas unwirtlich waren. Dies deutet darauf hin, dass Menschen die Umgebung der Höhle und die angrenzenden Landstriche über lange Zeit nutzen, wobei sie sich auf pflanzliche und tierische Ressourcen verließen, als die weitere Umgebung austrocknete.

Technologische Innovationen vor 67.000 Jahren

Sorgfältig hergestellte Steinwerkzeuge der mittleren Steinzeit wurden bereits in Schichten gefunden, deren Alter auf mehr als 78.000 Jahre datiert wird. Einen bemerkenswerten Technologiewandel, der die spätere Steinzeit kennzeichnet, spiegelt jedoch der Fund kleinerer Artefakte wider, die vor rund 67.000 Jahren gefertigt wurden. Die Miniaturisierung der Steinwerkzeuge könnte Veränderungen von Jagdpraktiken und -verhalten wiederspiegeln. Die Funde von Panga ya Saidi nach dieser Zeit zeigen jedoch einen Mix an Technologien. Zudem kann zu keiner Zeit ein radikaler Wandel von Verhaltensweisen entdeckt werden. Dies spricht gegen die kognitiven und kulturellen „Revolutionen", die von manchen Archäologen angenommen wurden. Darüber hinaus kommt es während des Toba-Vulkanausbruchs vor 74.000 Jahren zu keinem nennenswerten Einbruch der menschlichen Aktivitäten. Das unterstützt die Annahme, dass der sogenannte vulkanische Winter nicht zur fast völligen Auslöschung der Menschheit führte. Hinweise auf intensivere Nutzung der Umgebung deuten jedoch darauf hin, dass die Bevölkerung ab vor rund 60.000 Jahren an Größe zunahm.

Bislang älteste symbolische und kulturelle Gegenstände Kenias

Die weit zurückreichende archäologische Sequenz der Panga ya Saidi Höhle enthält bemerkenswerte neue Funde, welche von der kulturellen Komplexität dieser langen Zeitperiode zeugen. Unter den geborgenen Gegenständen waren bearbeitete und mit Schnitzereien versehene Knochen, Perlen aus Straußeneiern, Perlen aus Muscheln und bearbeitetes Ocker. Panga ya Saidi förderte die bislang ältesten Schmuckperlen Kenias zutage, der Alter auf 65.000 Jahre datiert wurde. Ab vor etwa 33.000 Jahren, wurden dekorative Perlen gewöhnlich aus Muscheln hergestellt, welche man an der Küste fand. Während dies den Kontakt mit Küstenregionen zeigt, gibt es keine Beweise darauf, dass marine Ressourcen regelmäßig für den Lebensunterhalt genutzt wurden. Schmuckperlen aus den Schalen von Straußeneiern wurden häufiger von rund 25.000 Jahren vor heute gefertigt. Vor rund 10.000 Jahren vollzog sich dann ein erneuter Wandel zu Muscheln. In Schichten, deren Alter zwischen 48.000 und 25.000 Jahre liegt, wurden geschnitzte Knochen und Stoßzähne, ein dekoriertes Knochenröhrchen, ein kleiner Knochenpunkt, und bearbeitete Ockerteile gefunden. Zwar deutet dies auf Verhaltenskomplexität und Symbolismus hin, aber ihr lückenhaftes Auftreten spricht eher gegen das Modell einer Verhaltens- oder kognitiven Revolution zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Projektleiterin Dr. Nicole Boivin, Direktorin der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, erklärt: „Das Hinterland der ostafrikanischen Küste und seine Wälder wurde lange Zeit als für die menschliche Evolution marginal erachtet. Die Entdeckungen aus der Panga ya Saidi Höhle werden sicherlich die Ansichten und Wahrnehmungen in der Archäologie verändern. Dr.

Patrick Roberts, Leiter des Labors für Stabile Isotope, sagt: „Das Wissen über die Besiedlung einer tropischen Wald-Grasland-Umgebung erweitert unseren Kenntnisstand darüber, in welcher Vielfalt von Lebensräumen unserer Art in Afrika gelebt hat."

„Die Funde in Panga ya Saidi widersprechen Hypothesen, wonach Küstenregionen als eine Art „Schnellstraße" genutzt wurden, welche die Migration von Menschen aus Afrika und rund um den Indischen Ozean förderte," erläutert Professor Michael Petraglia.

Das internationale Konsortium, der an diesem Projekt beteiligten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, wird durch das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum in Kenia geleitet. [MPG für Menschheitsgeschichte - Jena]

Ein Artikel aus der Prometheus Wissenschaftsredaktion - Ihrer Online-Plattform für Natur & Umwelt, Wissenschaft & Forschung, Geschichte & Archäologie:: www.prometheus.tv

(Zuletzt geändert: Samstag, 12.05.18 - 07:33 Uhr   -   1504 mal angesehen)
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