Boris Palmer | Bildquelle: RTF.1

Tübingen:

Palmer beim verspäteten Neujahrsempfang über Pandemie, Krieg und Stadtbahn

Stand: 19.03.22 16:48 Uhr

Eigentlich finden Neujahrsempfänge ja traditionell kurz nach dem Jahreswechsel statt, doch in Zeiten von Corona ist eben alles etwas anders. Und so hat die Stadt Tübingen ihren Neujahrsempfang nicht einfach abgesagt, sondern kurzer Hand etwas „nach hinten“ verlegt. Am Freitagabend war es jetzt soweit.


Noch nie konnte er alle Anwesenden zu einem Neujahrsempfang im März begrüßen, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer zu Beginn in der Paul Horn-Arena. Viele Menschen waren gekommen, darunter die Pandemiebeauftragte Lisa Federle und der Tübinger Landrat Joachim Walter.

Auch Menschen aus der Ukraine waren eingeladen, ungefähr 40 sind gekommen. Der Krieg in der Ukraine war für Palmer ein wichtiges Thema beim Neujahrsempfang.

"Ich glaube, wir müssen Putin vor allem den Geldhahn abdrehen. Das ist das stärkste Mittel, das wir in der Hand haben. Man macht einfach keine Geschäfte mit Verbrechern und das heißt für mich, wir brauchen einen Boykott russischer Energie. Solange das nicht gelingt, müssen wir den Menschen, die zu uns kommen, helfen. Wir brauchen jetzt Unterkünfte, wir brauchen Menschen, die bereit sind einen Arbeitsplatz anzubieten, Kinderbetreuung zu organisieren, Spielgruppen und Vorbereitungsklassen in Schulen", so Palmer.

Auch ein weiteres Thema durfte bei seiner Rede nicht fehlen: Corona. Tübingen ist während der Pandemie oftmals einen Sonderweg gegangen und galt als bundesweites Vorbild, worauf Palmer sehr stolz sei.

"Ich glaube, wir haben in Tübingen wirklich mit Pragmatismus, mit vielen Ehrenamtlichen und mit Teststäbchen gezeigt, wie man eine Pandemie bewältigen kann. WIr haben viele bundesweit erfolgreiche Methoden etabliert, wie z.B. das kostenlose anlasslose Testen, das Testen in Pflegeheimen und dann auch noch Testen in Schulen und Kitas. All das haben wir in Tübingen mit Lisa Federles Hilfe und ihren vielen Helfern auf den Weg gebracht. Das macht auch ein bisschen stolz, dass wir da so einen Beitrag leisten konnten", erzählt Palmer.

Neben dem Krieg in der Ukraine und der Pandemie ging es aber auch um ein Thema, das vor allem für Tübingen und die Umgebung relevant ist: Die Regionalstadtbahn. Gerade das Thema „Innenstadtstrecke" sei mit vielen Konflikten verbunden gewesen, doch diese gehören laut Palmer zu einer guten Demokratie.

"Helmut Schmidt, Altkanzler und Zeit-Herausgeber, hat mal gesagt: Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine. Und ich meine, da hat er wirklich recht. Deswegen ist es schlecht, wenn man Streit als Spaltung verunglimpft, denn wichtig ist es, den Streit konstruktiv zu führen und zu Entscheidungen zu kommen. Das haben wir geschafft, es wurde entschieden und wir sind nicht gespalten, denn danach haben wir uns wieder anderen Themen zugewandt", so Palmer.

Beim Neujahrsempfang gab es aber nicht nur eine Rede, sondern auch Ehrungen. Insgesamt vier Tübinger Bürger erhielten eine Auszeichnung: Richard Kaiser und Ismayil Arslan erhielten die Hölderlin-Plakette und Christiane Zenner-Siegmann und Margot Hamm die Uhland-Plakette. Verliehen wurden die Ehrungen von Palmer. Möglicherweise war es das letzte Mal für ihn.

"Ich habe mich an Uli Keuler erinnert, einen Kabarettisten, den ich als Schwabe einfach liebe. Zum 80. Geburtstag sagt er: Oma, du setzt dich hinter deine Dote und freust dich, es ist vielleicht dein letzter Geburtstag. Das könnte auch mein letzter Neujahrsempfang als Oberbürgermeister gewesen sein, deswegen habe ich mich erstmal gefreut, aber ich habe auch eine Bitte an die Stadtgesellschaft formuliert. Mir vielleicht zu verzeihen, wo ich jemanden verletzt habe und den Weg zur klimaneutralen Stadt auf jeden Fall weiter zu beschreiten", sagte Palmer abschließend.

Wer diesen Weg in Zukunft beschreiten wird, zeigt sich im Oktober. Dort findet dann die Wahl zum neuen Tübinger Oberbürgermeister statt.

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