Erbe Hybrid Knife | Bildquelle: RTF.1

Region Neckar-Alb:

Regionale Unternehmen gegen ein pauschales PFAS-Verbot

Stand: 22.11.23 15:17 Uhr

PFAS (sprich: Pe-Fas), das sind Chemikalien auf der Basis von Fluor. Da sie sehr stabil sind und deshalb in der Umwelt nicht oder nur sehr langsam abgebaut werden, nennt man sie auch „Ewigkeitschemikalien“. Zudem stehen einige dieser Chemikalien im Verdacht, krebserregend zu sein. Die Europäische Union will PFAS deswegen verbieten. Das Problem: Sehr viele Unternehmen, auch in der Region Neckar-Alb, sind auf PFAS angewiesen. Und ein Ersatz ist nicht in Sicht. Deshalb hat die IHK Reutlingen mit zehn Unternehmen, die stellvertretend für sehr viele Firmen in der Region Neckar-Alb stehen, eine Stellungnahme gegen ein pauschales PFAS-Verbot verfasst.


Erbe Elektromedizin mit Sitz in Tübingen produziert mit weltweit 1.600 Mitarbeitern professionelle medizinische Systeme und vertreibt sie in aller Welt. Dabei ist das Familienunternehmen auf das Material PFAS angewiesen. Vor allem im Bereich der Single Use-Produkte, die also nur einmal verwendet werden können, sei diese Kunststoffgruppe unverzichtbar, heißt es aus dem Vorstand.

"Wir haben ungefähr eine Million Patienten im Jahr, die mit Produkten von Erbe versorgt werden, die wir nicht mehr versorgen können, wenn PFAS überraschend oder schnell verboten werden würde für den europäischen Produktions- und Vertriebsmarkt", so Dr. Helmut Scherer, Chief Technology Officer bei Erbe Elektromedizin.

Ein Beispiel: ein sogenanntes Hybrid Knife, eine Kombination aus Wasserstrahl und Elektrochirurgie. Es wird über ein Endoskop durch den Mund in den Magen geführt. Helmut Scherer: "Wir schneiden mit elektrischem Strom anstatt mit einer scharfen Klinge, und um diesen Schnitt sauber positionieren zu können, erzeugen wir zuerst mit dem Wasserstrahl ein Wasserkissen, und der blaue Schlauch ist komplett aus PTFE, was eines dieser PFAS-Substrate ist."

Aber das ist nur eines von zahlreichen Produkten, die Erbe herstellt. In sehr vielen kommt PFAS zum Einsatz, denn es habe den Vorteil, hitzebeständig, elektrisch isolierend und zugleich verträglich zu sein, so Scherer. Ein pauschales PFAS-Verbot würde das Unternehmen empfindlich treffen: "Wir müssten auf der einen Seite alle Instrumente, und das sind ungefähr 40 Produktfamilien, betrachten und umentwickeln und einen Alternativ-Schlauch einsetzen und im Regelfall heißt es aktuell, es gibt kein 1:1-Ersatzmaterial", so Scherer.

Auch beim Eninger Unternehmen Adelhelm Kunststoffbeschichtungen blickt man mit Sorge auf ein mögliches PFAS-Verbot. Das mittelständische Unternehmen beschichtet im Auftrag seiner Kunden Oberflächen mit Kunststoffen, darunter auch mit Fluorpolymeren, die zu den PFAS-Substanzen zählen.

"Als Lohnbeschichter verarbeiten wie Fluorpolymere und auch Nicht-Fluorpolymere", sagte Thomas Adelhelm, Geschäftsführer des Unternehmens. "Wir wissen also, wo die Werkstoffgrenzen sind und welche Werkstoffe für verschiedene Anwendungen geeignet sind. Geplant ist das Verbot einer ganzen Stoffgruppe (PFAS) mit über 10.000 Chemikalien, wovon 38 Chemikalien der Gruppe der Fluorkunststoffe zuzuordnen sind."

Grundsätzlich sei er dafür, dass gefährliche Substanzen verboten würden, so Thomas Adelhelm. Aber: Fluorpolymere sollten aus einem PFAS-Verbot herausgenommen werden. Denn sie seien für die menschliche Gesundheit unbedenklich.

"Fluorpolymere stellen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt dar, da sie ungiftig sind, nicht wasserlöslich, nicht mobil und nicht bioakkumulierbar", sagte Adelhelm.

Auch bei der Firma Erbe fordert man, die unbedenklichen Fluorpolymere aus einem PFAS-Verbot herauszunehmen. Und zusätzlich von staatlicher Seite aus in die Forschung nach Alternativen zu investieren. Bis diese aber ausreichend erforscht und verfügbar seien, würden zehn Jahre oder mehr vergehen, so Helmut Scherer von Erbe.

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